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Rezension:
ich bin aus dir gemacht : liebesgedichte

 

Paul Taylor in der Kulturbeilage "Die Warte" des Luxemburger Wort
erschienen am 28.04.2011:

"Unzeitgemäße Liebesgedichte
Cayetana Caruso legt eine verstörende zweisprachige Lyriksammlung vor

Es ist nicht leicht, in einer Sprache gute Dichtung zu schreiben; es in zweien zu tun, ist beinahe unmöglich. Die französischen Gedichte von T. S. Eliot sind mittelmäßig, und Goethes englische Dichtung ist lächerlich. Aber immer mehr Europäer gehen grenzüberschreitende Beziehungen ein, und damit steigt naturgemäß auch die Zahl zweisprachiger Kinder – von denen einige zu Dichtern werden. In welcher Sprache sollen diese schreiben? In der ihres Vaters, oder in der ihrer Mutter? Die Antwort auf diese Frage kann nur eine sehr persönliche sein und dürfte niemandem leicht fallen. Cayetana Caruso ist als Tochter eines italienischen Vaters und einer deutschen Mutter in Luxemburg aufgewachsen, und sie hat das Dilemma dadurch gelöst, dass sie in beiden Sprachen schreibt. Das Resultat ist eine beeindruckende Sammlung von 86 deutschen und 14 italienischen Gedichten, die im März unter dem Titel ich bin aus dir gemacht in dem Schweizer, auf Dichtung spezialisierten Verlag Edition Signathur veröffentlicht wurde.

Carusos kultureller Horizont ist indes noch weiter als ihre drei, für Luxemburg nicht unüblichen Herkunftsländer. Dem Klappentext ist zu entnehmen, dass sie Japanologie und Vergleichende Religionsgeschichte in Rom studiert, längere Zeit in Japan gelebt und intensive Begegnungen mit den religiösen Traditionen des Orients gehabt hat. Das religiöse Moment ist ein wichtiger Bestandteil von Carusos Dichtung, aber wie wichtig dieses Moment tatsächlich ist, bleibt trotz gelegentlichen Aufleuchtens ungesagt.

Der Untertitel der Sammlung lautet liebesgedichte, und von Liebe handeln in der Tat die meisten von Carusos Gedichten. Gleichwohl bleibt offen, ob es sich hierbei um die Liebe einer Frau zu einem Mann oder um die Liebe einer Seele zu ihrem Schöpfer handelt. Diese Fragen stellen sich dem Leser unwillkürlich, werden aber nicht eindeutig beantwortet, und es sind sowohl das Geheimnis dessen, was gesagt wird, als auch die Intensität, mit der es ausgedrückt wird, die diese Gedichte so aufwühlend, so kraftvoll und so ergreifend machen:

Was zwingt uns denn zu suchen
den Kuss, mein König, deiner Nacht
auf Treppen die nach oben rufen
vom Wind gerissen und entfacht

Mein Schatten geht von Wand zu Wand
was zwingt mich denn zu suchen
erklingt doch schon das große Rufen
bald siebt es uns wie Sand den Sand

Nah war die letzte Wand die Stille
dein Schatten glitt hinüber sanft
in unsrem Atem war ich wie entbrannt
denn tief und leis war, Herr, dein Wille

Die Person, die in diesem Gedicht spricht, könnte ebenso gut die Konkubine eines Königs wie eine mystische Nonne sein: Wer steigt hier welche nächtliche Treppe empor, und zu wem? Die Frage muss gestellt werden – nicht nur wegen der ungeheuerlichen Überzeugungskraft, die den evozierten Bildern innewohnt, sondern auch wegen des mit traumwandlerischer Sicherheit fortschreitenden Rhythmus, der den Leser unmittelbar in seinen Bann schlägt und ihn bis zum feierlichen Ebenmaß der großartigen Schlusszeile nicht mehr aus seinem Zauber entlässt.

‘Was zwingt uns’ ist insofern ein ungewöhnliches Gedicht für Caruso, als es den Gesetzen traditioneller Versifikation verpflichtet ist. Im Allgemeinen zieht sie es eher vor, ihre bildhafte Sprache in freieren Versformen erklingen zu lassen. Dies fällt allerdings nicht unmittelbar auf, da jedes einzelne ihrer Gedichte eine ihm eigene, organisch sich entwickelnde Richtung aufweist:

Wie eine Rasende
hab ich um mich geschlagen

wie eine Wahnsinnige
hab ich gezittert

wie eine Abtrünnige
hab ich gezweifelt

wie ein Schiff
war ich einsam
(…)

Carusos Dichtung ist zuweilen von Anspielungen auf eigenes, im tiefsten Inneren erlebtes Leiden durchzogen, doch bleiben die Gründe hierfür auf bewundernswert diskrete Art ungenannt. Es handelt sich um bekennende Dichtung – und doch ist das Thema des Bekennens, ebenso wie das der Religion, eher als dichterische Stimmung denn als direkte Aussage spürbar.

Dieselbe Grundstimmung findet sich, nicht minder intensiv und ebenso ungreifbar, in den italienischen Gedichten wieder, obwohl auffällt, dass ihre Diktion einfacher und unmittelbarer ist:

Non voglio memoria
La memoria è dolore
(…)
Dammi la forza di sradicare
La fonte della memoria
Dammi il presente pieno
Voglio lo specchio libero

Cayetana Carusos Stimme ist ebenso kraftvoll wie individuell, ebenso verstörend wie herausfordernd. Jeder, der an den heutigen Entwicklungen deutscher (und europäischer) Lyrik interessiert ist, wird diesen vieldeutigen zweisprachigen Band mit großem Gewinn lesen.

Paul Taylor

Cayetana Caruso, ich bin aus dir gemacht: liebesgedichte, Dozwil  (CH): Edition Signathur, 2011, 106 Seiten, ISBN 978-3-908141-77-8, 16 Euro."

 

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